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17.02.2026 | von LK Tirol

Wie Genossenschaften funktionieren

Gebäude der Tiroler Saatbaugenossenschaft eGen © Die Fotografen
Die Tiroler Saatbaugenossenschaft eGen ist ein Beispiel für eine regionale Produktions- und Absatzgenossenschaft. © Die Fotografen
In der Landwirtschaft begegnet man speziell im Bereich der Vermarktung regelmäßig Genossenschaften. Um beurteilen zu können, ob eine Mitgliedschaft bei einer solchen für einen selbst und den eigenen Betrieb Sinn macht, muss klar sein, was man unter einer Genossenschaft versteht, wie sich die Zusammenarbeit gestaltet sowie welchen Nutzen das System mit sich bringt.

Rechtliche und organisatorische Grundlagen

Eine Genossenschaft tritt als juristische Person mit eigener Rechtspersönlichkeit auf. Bei ihrer Gründung ist eine Eintragung ins Firmenbuch erforderlich. Außerdem sind Satzungen zu verfassen und die erwartete positive wirtschaftliche Entwicklung muss nachvollziehbar dargelegt werden, beispielsweise in Form eines Businessplanes. Auch die Aufnahme in einen Revisionsverband ist verpflichtend. Eine Genossenschaft besteht aus mehreren sogenannten Organen, wobei vor allem die Generalversammlung, welche aus sämtlichen Mitgliedern besteht und der von den Mitgliedern gewählte Vorstand eine große Bedeutung haben. Der Vorstand ist für die Geschäftsführung und die Vertretung nach außen zuständig – Vorstandsmitglieder müssen immer selbst ein Mitglied der Genossenschaft sein. Eine Genossenschaft hat keine festgeschriebene Mitgliederzahl, dafür aber ein klares Ziel: Sie dient der wirtschaftlichen Förderung der Mitglieder und dem Erhalt der wirtschaftlichen Stabilität.

Finanzielle Regelungen

Für Genossenschaften ist eine Körperschaftsteuer zu entrichten, bei Gewinnausschüttungen greift die KESt. Im Gegensatz zu anderen Kapitalgesellschaften kann eine Genossenschaft aber auch ohne Mindestkapital gegründet werden. Um ein Mitglied zu werden, muss man sich über Geschäftsanteile einkaufen – wie hoch der Wert dieser ist und wie viele davon von einem einzelnen Mitglied gekauft werden können bzw. müssen, ist in der Satzung geregelt. In den Satzungen ist auch das Ausmaß der Haftung festgeschrieben, diese kann vom Ausschluss der Nachschuss pflicht bis zu einem Vielfachen der Geschäftsanteile reichen.

Mitglied werden und sein

Aufnahmen und Austritte sind vergleichsweise einfach möglich, indem Geschäftsanteile erworben werden. Neben Privatpersonen können auch Unternehmen Mitglied sein – von allen ist die Satzung einzuhalten. Die Gesamtheit der Mitglieder bildet die Generalversammlung. Hier hat jedes Mitglied ein Stimmrecht und kann sich dadurch aktiv an der Genossenschaft beteiligen, somit zur Gestaltung dieser beitragen und bei Entscheidungen mitwirken. Unabhängig von der Anzahl der Geschäftsanteile haben alle das gleiche Stimmrecht. Die Entscheidungsfindung hängt somit vorrangig von der demokratischen Mehrheit und nicht von finanziellen Interessen ab. Die wirtschaftliche Entwicklung der Genossenschaft sowie alle getroffenen Entscheidungen müssen den Mitgliedern transparent offengelegt werden.

Gründe für eine Genossenschaft

Eine Genossenschaft, z.B. Molkereigenossenschaft, bringt für die Mitglieder Vorteile, indem sie Kräfte bündelt und dadurch bei Verhandlungen stärker auftreten kann. Neben einer genossenschaftlichen Vermarktung besteht außerdem die Möglichkeit, Rohstoffe gesammelt zu liefern und zu verarbeiten. Durch die Teilung der damit verbundenen Einkaufs-, Investitions- oder Betriebskosten entsteht ein finanzieller sowie vermarktungstechnischer Vorteil für die Mitglieder.Zudem bringt der Aufbau eines Netzwerkes, beispielsweise durch die Nutzung von Geschäftskontakten oder den Austausch untereinander, einen Mehrwert für die Beteiligten. Dadurch weicht Konkurrenzdenken dem Zusammenhalt in der Gemeinschaft.
Kaspar Ehammer Aufsichtsrat Rinderzucht Tirol © Die Fotografen
"Die Genossenschaftsidee wurde geboren, weil Menschen in einer sehr schwierigen Zeit ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen mussten. Genossenschaften sind immer das, was Menschen mit ihrer geistigen Kraft, ihrem persönlichen Einsatz und Mut daraus machen. Voraussetzung einer funktionierenden Genossenschaft sind Funktionäre und Geschäftsführer, die Ideen und Visionen einbringen und dabei das Wohl der Mitglieder an erste Stelle setzen. Das Genossenschaftswesen wird zum Teil sehr kritisch gesehen und hinterfragt, weil sich viele mit der Thematik zu wenig auseinandersetzen und dadurch der Meinung sind, dass die Gewinnmaximierung und nicht das einzelne Mitglied im Vordergrund steht. Die Nähe der Genossenschaft, genauer gesagt der Funktionäre, zu den Mitgliedern ist daher enorm wichtig, um Vertrauen zu schaffen und sie auf den gemeinsamen Weg mitzunehmen. Zusammenfassend ist die Genossenschaftsidee nach wie vor eine moderne, demokratische Form eines Zusammenschlusses zur Selbsthilfe. Entscheidend ist, dass die Mitglieder und nicht die Gewinnmaximierung im Vordergrund stehen.“

Kaspar Ehammer
Aufsichtsrat Rinderzucht Tirol
Gottfried Hallbrucker Obmann Biokäserei Walchsee und Umgebung e-Gen © Biokäserei Walchsee
>Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele< – dieses Zitat von Friedrich Wilhelm Raiffeisen hat nichts an Aktualität und Bedeutung eingebüßt.
"Gemeinsam lassen sich Ziele besser erreichen als im Alleingang – das ist der Grundgedanke der Genossenschaft. Sie sind keine Kapitalgesellschaften und handeln nicht gewinnorientiert im klassischen Sinne. Ziel ist nicht die Maximierung von Profiten für externe Anteilseigner, sondern die nachhaltige wirtschaftliche Förderung der Mitglieder. Der erwirtschaftete Ertrag wird den Mitgliedern wieder zugeführt und entsprechend verteilt. Gerade deshalb müssen Genossenschaften wirtschaftlich, verantwortungsvoll und langfristig stabil geführt werden. Bis heute bilden Genossenschaften das Fundament ganzer Regionen. Durch ihr verantwortungsbewusstes Handeln und ihr Auftreten als starke Gemeinschaft tragen sie zur wirtschaftlichen und sozialen Stabilität bei und verfolgen gemeinsame Ziele. Die klare organisatorische Struktur ermöglicht mehrere Aufgabenbereiche zu bündeln und zu koordinieren, wodurch effiziente Entscheidungs- und Handlungsprozesse gewährleistet werden. Es sollte stets bewusst sein, welche Rolle das Genossenschaftswesen in der Landwirtschaft bzw. in der Lebensmittelerzeugung innerhalb der Gesellschaft einnimmt. Als Teil einer Gemeinschaft tragen sie Verantwortung für die Versorgung der Bevölkerung und für das gesellschaftliche Miteinander.“

Gottfried Hallbrucker
Obmann Biokäserei Walchsee und Umgebung e-Gen
Hermann Kuenz Präsident Raiffeisenverband Tirol © privat
"Friedrich Wilhelm Raiffeisen hatte vor fast 200 Jahren in Zeiten großer Not eine geniale Idee: Kreditgenossenschaften zu gründen, um Menschen aus der Abhängigkeit von privaten Geldleihern mit Wucherzinsen zu holen und die Vernichtung von Existenzen zu verhindern. Die einen zahlen Geld ein, die anderen leihen es aus – in Selbstverwaltung, ohne große Gewinne zu machen – vertrauensvoll zum Vorteil der Mitglieder. Die Idee weitete sich besonders bei den Bauern aus – Milch- und Warengenossenschaften wurden gegründet, um den Mitgliedern Notwendiges zu beschaffen und Märkte zu erschließen. Und heute? Die Zeit großer Armut ist – Gott sei Dank – vorbei. Aber aktuell entstehen neue Abhängigkeiten: Am Lebensmittelmarkt bestimmen drei bis vier Konzerne faktisch alles – Menge, Preis, Lieferzeit, Zahlungsfrist, Vermarktungsbeiträge, Pönale und vor allem auch: Vorschriften in der Produktion. Deshalb sehe ich es als Gebot der Stunde, dass Bauern Verarbeitung und Vermarktung wieder selbst in die Hand nehmen – selbstredend gemeinsam! Auf den Finanz- und Energiemärkten gibt es ähnliche Themen. Die Genossenschaft bietet sich als ideale Organisation an – regional, nachhaltig, wirtschaftlich, unabhängig, sozial und transparent. Die Genossenschaft ist aktueller denn je. Und wir als Raiffeisenverband Tirol liefern Unterstützung in allen Fragen.“

Hermann Kuenz
Präsident Raiffeisenverband Tirol
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