Den Almen verschrieben
Rund 8.000 Almen verteilen sich über sieben österreichische Bundesländer – nur in Wien und im Burgenland finden sich keine. Im Rest unseres Landes spielen sie aber eine wichtige Rolle, dehnen sich die Almen doch über elf Prozent der Staatsflächen aus. Dort weiden in den Sommermonaten zirka 301.000 Rinder, davon 50.000 Milchkühe, 10.500 Pferde, 103.000 Schafe und 13.500 Ziegen – betreut von etwa 7.700 Hirt:innen. Durch diese Bewirtschaftung entstanden über Jahrhunderte einzigartige Kulturlandschaften, welche weit mehr sind als Grundlage zur Lebensmittelproduktion: Sie sind außerdem wertvoller Lebens- und Erholungsraum, wichtig für den Tourismus und nachgelagerte Wirtschaftsbereiche, erhalten Traditionen, Kultur sowie Bräuche und schützen den Siedlungsraum vor Naturgewalten wie Muren oder Lawinen.
In Tirol verwurzelt
Als almstärkstes Bundesland in Österreich prägte Tirol vor allem die Anfangszeit der „Almwirtschaft Österreich“. Die Idee, einen bundesländerübergreifenden Verein zur Förderung der Almen zu gründen, entstand 1948 bei der almwirtschaftlichen Bundestagung in Mayrhofen. In weiterer Folge traten über viele Jahre hinweg Tiroler als Obmänner und Geschäftsführer auf. Mittlerweile befindet sich der Vereinssitz in Wien, für die Geschäftsführung ist Markus Fischer von der LKÖ zuständig, die Funktion des Obmannes hat Josef Obweger aus Kärnten inne. Die Obmann-Stellvertreter des Dachverbandes sind Elmar Monz (Obmann des Tiroler Almwirtschaftsvereins) und Silvester Gfrerer (Obmann des Salzburger-Alm- und Bergbauernvereins).
Gemeinsam Bewusstsein schaffen
Im Rahmen der 75-Jahr-Jubiläumsfeier der „Almwirtschaft Österreich“ in Innsbruck wurde aber nicht nur auf die Geschichte des Vereins und dessen engagierte Interessenvertretung zurückgeblickt, sondern auch aktuelle Vorschläge für praktikable Rahmenbedingungen und Zukunftsperspektiven thematisiert. Dabei wurde auch die Bedeutung der internationalen Zusammenarbeit hervorgehoben. Zahlreiche Gäste aus Politik, Interessenvertretung, Verwaltung, Wissenschaft und Praxis fanden sich dafür im Landhaus ein. Ein sichtbares Zeichen der grenzüberschreitenden Verbundenheit war auch die Anwesenheit von Vertreter:innen von Partnerorganisationen aus Südtirol, der Schweiz, Oberbayern und dem Allgäu.
Josef Obweger, Obmann der Almwirtschaft Österreich, betonte die Bedeutung des länderübergreifenden Austausches: „Vieles, was wir in den vergangenen Jahrzehnten erreichen konnten, war nur durch die enge Zusammenarbeit der Bundesländer möglich. Angesichts der aktuellen Herausforderungen ist dieser Zusammenhalt heute wichtiger denn je. Unser Ziel ist es, auch künftig gute Rahmenbedingungen für die Almbewirtschaftung zu schaffen und damit die Zukunft unserer Almen und ihrer vielfältigen Funktionen zu sichern.“
Balsam für die Seele
Einen besonderen Höhepunkt der Jubiläumsfeier bildete das Festreferat des bekannten Psychiaters, Psychologen und Sachbuchautors Reinhard Haller. In seinem Referat „Seelenschutzgebiet Alm“ ging er auf die positiven Auswirkungen der Almwirtschaft auf die Psyche ein und beschrieb den Begriff des Seelenschutzgebiets als bildlichen Ausdruck für einen Ort, an dem Menschen zur Ruhe kommen, sich seelisch regenerieren, psychische Krankheiten vorbeugen und Geborgenheit, Vertrauen sowie Identität finden können. Gerade in einer Zeit, in der psychische Krankheiten deutlich zunehmen, erachtet Haller solche Orte – ergänzend zu professioneller Behandlung – als besonders wertvoll. Die positiven Auswirkungen der Almen führt er im Wesentlichen auf drei Faktoren zurück: Die erlebte Freiheit, die Einfachheit des dortigen Lebens und die Nähe zur Natur.
Diese positiven Einflüsse gelten für Erholungssuchende ebenso wie für die Almbewirtschafter:innen. Obwohl er deren Arbeit als sehr anspruchsvoll ansieht und das Leben auf der Alm aus seiner Sicht durchaus kein einfaches ist, führten ihn seine Beobachtungen und Gespräche mit Almbewirtschafter:innen zu dem Schluss, dass die Dauerbewegung, die Bewältigung auftretender Herausforderungen und die einmalige Kulturlandschaft die Psyche der dort arbeitenden Menschen stärkt.
Gleichzeitig konnte er aber auch Faktoren feststellen, die sich negativ auf die psychische Gesundheit auswirken: Der Klimawandel, Naturgefahren, die wirtschaftliche Situation, Nutzungskonflikte und Großraubtiere. Für den Umgang mit letzteren fand er kritische Worte. Aus seiner Sicht wird hier dem psychischen Leid, das die Almbewirtschafter:innen und Tierbesitzer:innen durch Wolfsrisse erleiden, nicht genügend Emotionalität und Bedeutung entgegengebracht.
Trotz der vielfältigen Herausforderungen waren die Anwesenden überzeugt, dass die Almwirtschaft als „seelisches Schutzgebiet“, gelebtes Brauchtum, Kulturgut und Teil einer umweltfreundlichen Landwirtschaft unverzichtbar ist und daher auch in Zukunft bestehen bleiben wird. Der frühere Almwirtschafts-Obmann Erich Schwärzler fasste zusammen: „Unsere Almen sind bei den Almbäuerinnen und -bauern in guten Händen und so soll es auch weiterhin bleiben.“
Die Almwirtschaft stärken – Leistungen der „Almwirtschaft Österreich“
Um die Almwirtschaft mit ihren vielfältigen Funktionen zu stärken, setzt die „Almwirtschaft Österreich“ auf verschiedene Strategien.
Ein wichtiger Schwerpunkt ist die politische Interessenvertretung, um gesetzliche Rahmenbedingungen zu erwirken, welche die Almwirtschaft unterstützen und fördern. Die Themen reichen hierbei von der GAP bis zu den Großraubtieren.
Zusätzlich setzt man sich mit der Initiierung von Projekten mit spezifischen Herausforderungen und Lösungsansätzen auseinander. Das Projekt „Futtervielfalt auf Almen“ dreht sich um den Umgang mit Unkräutern und das Offenhalten der wertvollen Futterflächen. Kooperationen mit Urlaub am Bauernhof oder Schule am Bauernhof tragen zur Bewusstseinsbildung bei. Die Bewässerung als Antwort auf die zunehmende Trockenheit wird im Forschungsprojekt „AlmWaal“ untersucht – unter anderem in Bezug auf praktische Umsetzbarkeit und Auswirkungen auf Biodiversität, landwirtschaftliche Erträge sowie Kulturlandschaft. Aber auch die Vermarktung der Almprodukte wird vom Verein unterstützt.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Wissensvermittlung über Bildungsoffensiven und die Aufbereitung fachlicher Informationen. Die Almbewirtschafter:innen sollen so in ihrer fachlichen Weiterbildung unterstützt werden, um bestmöglich mit sich wandelnden Bedingungen wie der Rückkehr der Großraubtiere oder dem Klimawandel umgehen und damit die Almwirtschaft erhalten zu können.
In Zukunft möchte sich der Verein noch stärker der Kommunikation hin zur Gesellschaft widmen und damit Bewusstsein für die Bedeutung der Almwirtschaft schaffen.
Tiroler Almbauerntag
Datum: 5. Dezember 2026, 10 Uhr
Ort: Reschenhof, Mils bei Innsbruck
Ort: Reschenhof, Mils bei Innsbruck
Österreichische Almwirtschaftstagung
Datum: 30. Juni bis 2. Juli 2027
Ort: Tux/Zillertal
Ort: Tux/Zillertal